Paulus2011: Das Werk
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Mendelssohn, die Tradition und das
Verständnis von Öffentlicheit im Blick auf die Dramaturgie des “Paulus” Oratoriums
von Helmut Krebs
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1829 gilt mit der Wieder-Aufführung der Bachschen Matthäus-Passion unter Mendelssohn als Einschnitt in der Musikgeschichte.
Dass die sich an diesem Großprojekt festmachende Wiederentdeckung von älterer Musik für das neuzeitliche Konzertpublikum nicht nur für das 19. Jahrhundert von Bedeutung war, sondern sich als ein Ursprungsmoment im neueren Musikbetrieb, wie er bis heute existiert, sehen lässt, wird allein schon durch den seitdem einsetzenden Erfolgszug der Bachschen Passionen deutlich. Dem beigesellt ist die Entwicklung des neueren Oratoriums durch Mendelssohn, an dessen erster Stelle der “Paulus” gehört.
Es ist dasselbe historische Bewußtsein, das Bach wieder entdecken und die Bibel als Quelle für universelle Aussagen und Gefühle liest.
Das 19. Jahrhundert hat nicht nur in allen Künsten ein ausgesprochen historisches Bewußtsein hervorgebracht (man denke etwa nur an die historischen Romane etwa eines Felix Dahn, an die Nazarener Malergruppe in Rom), sondern in der Geschichtswissenschaft selbst einen Historismus betrieben, zu dem man auch die Paulus-Komposition eines Mendelssohn zählen kann.
Wie aber in allen Künsten, unterscheidet sich die Gestalt historischer Form durch die andersartige Verwendung der Werke. Haben bei Bach geistliche Musiken immer einen Bezug auf den Gottesdienst, emanzipiert sich im 19. Jahrhundert das Oratorium von dieser liturgischen oder quasi-liturgischen, an Kirche gebundene Verwendungsform. Der Konzertsaal wird die neue Kirche eines
aufstrebenden Bildungsbürgertums. In ihm sitzen dann auch alle Konfessionen, Juden und Christen einträchtig zusammen. Die bürgerliche Öffentlichkeit, wie sie etwa von Habermas beispielhaft
beschrieben wurde, ernennt den Künstler zu einem neuen Priester ihrer aufgeklärten, sich aber stets auch religiös empfindenden Weltanschauung. Somit bleibt die Re-ligio, die Rückbindung der Kunst an Stilformen früherer Zeit, ein Ideal, dem man mit durchaus modernen Mitteln und einer freieren Haltung nachkommt. Für den Juden Mendelssohn heißt Re-ligio also auch die Bindung an jüdisch-christliche Wurzeln (Paulus, Elias).
In der säkularisierten bürgerlichen Öffentlichkeit, der Mendelssohn sein Fortkommen und den großen Erfolg verdankt, sieht er mithin die Gestalt einer neuen “Gemeinde”, die nicht mehr streng konfessionell aufgeteilt und ins Geschehen der Welt involvierter ist, als zu Bachs Zeiten.
Im Umgang mit dem Chor kann dies im “Paulus” gezeigt werden. |
Dramaturgie des “Paulus” Oratoriums
Mendelssohn setzt den Chor, der Tradition folgend, vornhemlich in der Form des Chorals ein. Ihr komt in diesem Prozess eine zentrale Stellung zu. Als eröffnenden instrumentalen Einleitungs-Choral komponiert Mendelssohn eine Verbindung von Choral und Fuge. Und mit “Wachet auf! ruft uns die Stimme” werden zugleich die Botschaft des Paulus und sein
eigenes Schicksal angesprochen: aus dem jüdischen (heidnischen) “Schlaf” herausgerufen zum Apostel christlichen Glaubens.
Die beiden an diese Ouvertüre anschließenden Chornummern “Herr, du bist der Gott” und “Allein Gott in der Höh sei Ehr” wird in beinah doppelter Betonung des ersten Gebotes der Glaubensgrundsatz von Juden wie Christen als Folie unter das anschließende dramatische Geschehen gelegt.
Dies Geschehen selbst, so wurde schon zu Lebzeiten Mendelssohns bemängelt, zeigt freilich keine dramaturgischen Spannungsbögen und logisch entwickelte Dramaturgie. Es ist eher eine Stationendramaturgie, mit der der Zuhörer von Ort zu Ort, von Stufe zu Stufe geführt werden.
Station 1 (Nr. 4-11): Steinigung des Stephanus
Station 2 ( Nr . 12-22): Bekehrung und Taufe des Saulus
Station 3 (Nr. 23-27): Mission – 1. Aussendung von Paulus und Barnabas
Station 4 (Nr. 28-31): Mission – 2. Verfolgung des Paulus durch Juden
Station 5 (Nr. 32-36): Mission – 3. Heilung des Lahmen zu Lystra
Station 6 (Nr. 37-40): Mission – 4. Widerstand von Juden und Heiden
Station 7 (Nr. 41-43): Abschied des Paulus von der Gemeinde in Ephesus
Station 8 (Nr. 44-45): Märtyrertod des Paulus, Bestätigung der Glaubensartikel
Erinnert sei bei diesm “Stationendrama” an die kurz vor dem “Paulus” entstandenen Bilder Julius Schnorr von Carolsfeld, die auch Episoden der Paulus-Geschichte illustrieren. Mendelssohn wird sie gekannt haben.
Merkwürdig, und einer spannungsvollen Dramaturgie abträglich, dass von Saulus/Paulus erst im Rezitativ Nr. 10 die Rede ist. Von ihm wird berichtet, er habe “Gefallen” an der
Steinigung des Stephanus. Eine Haltung, die mit seinem Auftritt und der Arie Nr. 12 “Vertilge sie, Herr Zebaoth” zum eindimensionalen Hass gesteigert wird und Saulus zum Typus eines streng ans Tempelgesetz sich bindenden Juden macht – ganz wie der christliche Mensch des 19. Jahrhunderts den grollenden, zürnenden Gott des Alten Testamtnes sich vorstellte. Aber auch noch weiter zurück, auf die barocke Tyrannen-Typologie und ihre Affektgestaltung, greift dies Motiv des zürnenden Saulus. Bei Mendelssohn ist es der dann im Damaskus-Erlebnis ganz und gar umgekehrte Mensch, der zum Anhänger einer neuen Glaubensrichtung wird. Während die neuere Theologie teilweise in Saulus/Paulus eher den im neuen Licht sich sehenden Juden begreift, der Jesus-Anhänger wird, ohne sein Judentum prinzipiell zu verraten oder in Frage zu stellen.
Mendesllohns Paulus-Bild entspricht dagegen dem der (insbesondere protestantischen) Theologie des 19. Jahrhunderts. Zugleich ist es auch ein Reflex auf die Haltung der liberalen und emanzipierten Juden in Deutschland, die als assimilierte Mitbürger vom strengen Gesetz ihrer Väter oft abkehrten und, ganz wie ihre christlichen Mitbürger, dem Gebet oft ferner waren als dem Geschäft.
Aus der Berufung wird somit eine Bekehrung, aus dem “verstockten” Juden und Jesus-Feind der Gründer eines neuen Glaubens. Offenheit zieht ein, wenngleich unter der Prämisse der Abkehr, der Verkündigung eines “neuen” Gottes, Jesus Christus.
Die Christus-Stimme, bei Bach ein Bass-Solist, ist bei Mendelssohn ein Frauenchor. Das ist der größt-mögliche Abstand zur Christus-Figur bei Bach (solo/Bass – chor/hohe Frauenlagen). In dieser mutigen kompositorischen Entscheidung zeigt sich das erneuerte, protestantische Verständnis von Christus im Leben seiner Gemeinde. Hier bringt jeder Einzelne angesichts der des Verfolgung/Anfechtung aller (Gemeinde der Jesu-Anhänger) seine persönliche Entscheidung ein. Jesus ist aufgegangen in seiner Gemeinde, weil der Einzelne sich zu ihr wie der Hirt zur Herde verhält.
“Saul! Was verfolgst du mich? (…) Denn dein Licht kommt, Und die Herrlichkeit des Herrn gehet auf über dir.” Das ist die immer wieder betonte Bindung von neutestamentlichen Intentionen an den Geist des Alten Bundes (die Stellen sind aus Apg 9, 3-6 und Jes 60,1-2).
Der Einzelne erhält überhaupt erst seine Bestimmung und Mission im Aufruf durch den Herrn, dessen Stimme die Gemeinde ist. Wenn er also dem “Ruf der Stimme” folgt, folgt er dem Ruf der Gemeinde und wird dadurch zugleich seine (neue) Identität erhalten und sich zusammen mit den Mitgläubigen als das “Ich” dieser rufenden Stimme empfinden.
Mendelssohn, der Neuerer
Zu jener Zeit war die Verwendung von Chorälen und eines in der Tradition der Bachschen und Händelschen Oratorien gefassten Chores durchaus überraschend.
Mendelssohns Freund Adolf Bernhard Marx, von dem ein Entwurf zum Oratorium stammt, zog sich entsetzt aus dem Projekt zurück, als Mendelssohn auf Choräle bestand: “…ich denke, in jedem Oratorium aus dem Neuen Testamente müsste er [der Choral] von Natur sein.” (Brief Mendelssohns an den Librettisten Julius Schubring, Juni 1835)
Auch wenn Mendelssohns Choräle engere Bindung an das musikalische Handlungsgeschehen haben als bei Bach, stellen sie allesamt ein bewusstes Innehalten, Einkehr und “Haltepunkte” im dramatischen Geschehen dar. In ihnen zeigt sich der Wille der Mendelssohnschen Oratoriums zur abstrahierenden Gestaltung.
Mendelssohn setzt sich darin bewußt gegen die zeitgenössische Musikpraxis ab. Er bietet keinen Historismus im “Paulus”, sondern dem Stoff adäquat einen Universalismus. Das macht den Neuigkeitswert seiner Komposition aus und grenzt sie gegen die koloristischen, “ergötzlichen Darstellungen” sich ins biblische Geschehen verlierenden Oratorien seiner Zeit ab. Es ermöglicht Mendelssohn zudem, auf hinzugedichtete Textteile zu verzichten, wie sie Bach noch zum dramatischen Geschehen benötigte, um ausschließlich sich auf die Bibel als Textmaterial zu stützen.
Aber auch dies kann als historisches Bewußtsein gewertet werden, das sich dem “Geist der Bibel” ebenso wie dem Geist Bachs verpflichtet sieht und beide in eine allgemeinere, vom Verwendungs- und Entstehungszusammenhang der Musik wie vom konkret historischen Geschehen um die Figur des Paulus losgelöstere Form fasst. Der Gedanke des Weltkulurerbes entspringt nicht zuletzt auch jenem Jahrhundert des Historismus.
Demzufolge können wir auch heute noch behaupten, Mendelssohn habe “zwischen
musikalischer Vertiefung und kirchlicher Bedeutung meisterhaft eine Brücke geschlagen” (Jürgen Hartmann in: Programmheft “Paulus” Internationale
Bachakademie, Stuttgart 2009).
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